{"id":8717,"date":"2024-01-17T05:23:33","date_gmt":"2024-01-17T05:23:33","guid":{"rendered":"https:\/\/revue-traverse.ch\/kolonial-lokal-digital-chancen-und-herausforderungen-neuer-erinnerungsangebote\/"},"modified":"2024-01-24T11:51:35","modified_gmt":"2024-01-24T11:51:35","slug":"kolonial-lokal-digital-chancen-und-herausforderungen-neuer-erinnerungsangebote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/revue-traverse.ch\/fr\/kolonial-lokal-digital-chancen-und-herausforderungen-neuer-erinnerungsangebote\/","title":{"rendered":"Kolonial \u2013 lokal \u2013 digital: Chancen und Herausforderungen neuer Erinnerungsangebote"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Beitrag von <a href=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/fr\/auteurs\/?pers=2625\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/personen\/?pers=2625\">Barbara Miller<\/a>, <a href=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/fr\/auteurs\/?pers=2520\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/personen\/?pers=2520\">Linda Ratschiller<\/a>, <a href=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/fr\/auteurs\/?pers=2624\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/personen\/?pers=2624\">Simone Rees<\/a><\/h2>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Public History \u2013 wozu? Koloniale Vergangenheit und Rassismus in der Gegenwart<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die \u00d6ffentlichkeitsbedeutung von Geschichte steckt in einem Hoch. In der Schweiz erregt insbesondere auch der Umgang mit und die Deutung der kolonialen Vergangenheit die Gem\u00fcter. Auffallend an den Debatten ist, dass sich diese h\u00e4ufig an normativen Fragen entz\u00fcnden:<a id=\"_ftnref1\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Sollen Schaumzucker-S\u00fcssspeisen und Strassennamen umbenannt werden? Sollen bestimmte Kinderb\u00fccher noch gedruckt werden? Sollen historische Inschriften und Statuen demontiert werden? Sollen <em>weisse<\/em> M\u00e4nner Dreadlocks tragen und mit Reggae-Musik Geld verdienen d\u00fcrfen? Dabei handelt es sich um sehr kontrovers debattierte Themen. Die heftigen Reaktionen zeigen, dass diese \u00f6ffentlichen Belege f\u00fcr unsere koloniale Vergangenheit und rassistische Gegenwart das vorherrschende Erinnerungsparadigma in Frage stellen, wonach es in der Schweiz keine Verbindungen zu Kolonialismus und Rassismus gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vehemenz, mit der diese Auseinandersetzungen gef\u00fchrt werden, l\u00e4sst sich durchaus mit der \u00f6ffentlichen Aufarbeitung und Anerkennung der Rolle der Schweiz zur Zeit des Nationalsozialismus in den 1990er-Jahren vergleichen.<a href=\"#_ftn2\" id=\"_ftnref2\">[2]<\/a> Auch damals widersprachen wissenschaftliche Erkenntnisse zun\u00e4chst dem dominierenden Erinnerungsdiskurs und gef\u00e4hrdeten so das nationalhistorische Selbstverst\u00e4ndnis der Schweiz. Eine weitere Parallele besteht in der Bedeutung von Aktivist:innen, B\u00fcrger:inneninitiativen und regionalen <em>Public History<\/em> Projekten f\u00fcr den initiierten Wandel der historischen Wahrnehmung. In beiden F\u00e4llen waren sie es, die auf erste Verbindungen hinwiesen, lokale Beispiele hervorhoben und die \u00d6ffentlichkeit auf heutige Auswirkungen dieser historischen Verflechtungen der Schweiz aufmerksam machten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Skepsis, mit der Generationen von Historiker:innen \u2013 in Anlehnung an Maurice Halbwachs, Pierre Nora und andere \u2013 der \u00d6ffentlichkeitsbedeutung von Geschichte begegneten, ist einer zunehmenden Bereitschaft, Erinnerungskulturen zu untersuchen und selbst Einfluss auf das \u00f6ffentliche Geschichtsbild zu nehmen, gewichen.<a href=\"#_ftn3\" id=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Die <em>Public History <\/em>hat sich als Folge mittlerweile auch an europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten etabliert, nicht zuletzt dank der Bedeutung des Holocaust als Bezugspunkt f\u00fcr die europ\u00e4ische Integration.<a href=\"#_ftn4\" id=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage, ob auch die Geschichte des Kolonialismus zu einem Fluchtpunkt einer gemeinsamen europ\u00e4ischen Geschichte werden k\u00f6nnte. Denn die Thematisierung der kolonialen Vergangenheit kann das kollektive Ged\u00e4chtnis um wichtige Aspekte erweitern. Die globale Dimension der europ\u00e4ischen Geschichte wird als inh\u00e4renter Teil ihrer Erinnerungskultur verankert, womit den Menschen, die in Europa leben und die Folgen dieser Verflechtungen im Alltag weiterhin zu sp\u00fcren bekommen, eine Stimme gegeben wird. Die heute sich stetig pluralisierende und weltweit vernetzte Gesellschaft steht vor zahlreichen Herausforderungen, die uns zwingen, eine tiefgreifende Neubewertung unserer Vergangenheit vorzunehmen. Es ist unerl\u00e4sslich, einen Dialog zu etablieren, der den aktuellen gesellschaftlichen Sensibilit\u00e4ten gerecht wird, w\u00e4hrend er gleichzeitig unsere Geschichte in ihrer Gesamtheit respektiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Webseite <em>colonial-local.ch<\/em> soll im schweizerischen Kontext einen Beitrag dazu leisten. Sie versucht, die hitzigen Debatten in Zeitungen und sozialen Medien historisch zu kontextualisieren und dadurch zu einer differenzierteren Auseinandersetzung anzuregen. Sie vermittelt wissenschaftlich fundierte Inhalte und soll Nutzer:innen daf\u00fcr sensibilisieren, dass die Vergangenheit von Ambivalenzen gepr\u00e4gt war, womit eine kritische Analyse der Gegenwart in der breiten Gesellschaft erm\u00f6glicht werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Colonial-local.ch <\/em>fokussiert dabei auf einen regionalgeschichtlichen Zugang am Beispiel Freiburgs. Diese l\u00e4ndlich gepr\u00e4gte Region wurde bis anhin im Gegensatz zu den wirtschaftlichen und politischen Zentren der Schweiz kaum mit der Kolonialgeschichte in Verbindung gebracht. Gerade diese Position er\u00f6ffnet M\u00f6glichkeiten, um die Omnipr\u00e4senz und breite Verankerung kolonialer Verflechtungen in allen Teilen der Schweizer Bev\u00f6lkerung aufzuzeigen. Die Webseite illustriert einerseits die Beteiligung von Schweizer:innen am Kolonialismus, zum Beispiel als S\u00f6ldner, Missionar:innen, Auswander:innen oder Rassenforscher. Andererseits belegt die Webseite, dass diese Verbindungen R\u00fcckwirkungen auf die lokale Bev\u00f6lkerung zeigten und in Kirchen und Museen, in Wissenschaft und Schule, in Konsumg\u00fctern und Denksystemen pr\u00e4sent waren und teilweise bis heute weiterwirken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><\/strong><strong>Die Webseite als Medium der Geschichtsvermittlung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Art und Weise, wie Geschichte vermittelt, erz\u00e4hlt und rezipiert wird, h\u00e4ngt massgeblich von der verwendeten Medienform ab. Die Geschichtswissenschaft ist nach wie vor durch ein Primat des gedruckten Buchs gepr\u00e4gt. Alternative Formate, um Erkenntnisse in die \u00d6ffentlichkeit zu diffundieren, erleben aktuell einen Aufschwung. Aber obwohl viele Historiker:innen seit Jahrzehnten mit Bild- und Filmquellen arbeiten und mittlerweile auch digitale Quellen ber\u00fccksichtigen, wie das Aufkommen der <em>Digital History<\/em> illustriert, \u00fcbersetzt die Geschichtswissenschaft ihre Erkenntnisse bis anhin vor allem in textbasierte Vermittlungsformen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies erscheint nicht nur vor dem Hintergrund der zunehmenden Nachfrage nach geschichtsvermittelnden Inhalten im digitalen Raum als bedauerlich. Vielmehr bergen digitale Formate auch grosses Potenzial f\u00fcr die Geschichtsvermittlung. Sie erm\u00f6glichen Historiker:innen, Einfluss auf die Gestaltung von Erinnerungskulturen zu nehmen, die sich in den letzten Jahren stark pluralisiert und an gesellschaftspolitischer Bedeutung gewonnen haben. Am Beispiel von <em>colonial-local.ch<\/em> kann gezeigt werden, welche Chancen die digitale Bereitstellung historischer Inhalte er\u00f6ffnet, aber auch welche spezifischen Herausforderungen dies mit sich bringt, die sorgf\u00e4ltig abgewogen und angegangen werden m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Reichweite, Nachvollziehbarkeit, Interaktivit\u00e4t \u2013 Die Chancen<\/em><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Webseiten bieten in doppelter Hinsicht neue M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Historiker:innen: Zum einen k\u00f6nnen Erkenntnisse und Erz\u00e4hlungen zur Vergangenheit in alternativer Form vermittelt und kommuniziert werden. Zum anderen er\u00f6ffnen sie Kan\u00e4le f\u00fcr einen Austausch zwischen Geschichtswissenschaft und breiter \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschichtsvermittlung im digitalen Raum kann von den Vorteilen und Spezifika sogenannter \u00abquart\u00e4rer Medien\u00bb profitieren.<a href=\"#_ftn5\" id=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Eine Webseite ist mit Desktop- und Mobilger\u00e4ten leicht zug\u00e4nglich, was f\u00fcr die Breitenwirkung zentral ist; sie kann durch stete Bewirtschaftung langlebig gehalten werden, was die M\u00f6glichkeit einer nachhaltigen Besch\u00e4ftigung mit dem Thema er\u00f6ffnet; sie ist interaktiv und kann entsprechend erweitert und angepasst werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus erlaubt die gleichzeitige Bereitstellung von Prim\u00e4rquellen und wissenschaftlichen Erkenntnissen eine fundiertere und glaubw\u00fcrdigere Repr\u00e4sentation von Geschichte. Wie die Untersuchungen von Paul Ashton und Paula Hamilton zeigen, verleiht die \u00d6ffentlichkeit eher jenen Geschichten Autorit\u00e4t, die sie anhand von Spuren der Vergangenheit selbst nachvollziehen kann.<a href=\"#_ftn6\" id=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Im Gegensatz zu gedruckten Geschichtspublikationen bieten digitale Medien die M\u00f6glichkeit, direkt auf die Quellen und damit auch auf die Interpretationsgrundlage der Historiker:innen zuzugreifen.<a href=\"#_ftn7\" id=\"_ftnref7\">[7]<\/a> W\u00e4hrend in der traditionellen Geschichtsschreibung die gewonnen Erkenntnisse nur abstrakt in den Fussnoten nachvollziehbar sind, k\u00f6nnen auf Webseiten historisch-methodische Vorgehensweisen zu Gunsten des Vertrauens von Nutzer:innen konkret erfahrbar gemacht werden.<a href=\"#_ftn8\" id=\"_ftnref8\">[8]<\/a> So erfahren die Nutzer:innen von <em>colonial-local.ch<\/em> zum Beispiel im Zusammenhang mit Nova Friburgo nicht nur die Geschichte dieser Schweizer Kolonie in Brasilien, sondern k\u00f6nnen auch direkt auf Originalquellen zugreifen und erhalten zudem Informationen zu weiterf\u00fchrender Literatur.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"672\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1-672x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8692\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1-672x1024.png 672w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1-197x300.png 197w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1-768x1170.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1-1009x1536.png 1009w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-1.png 1132w\" sizes=\"auto, (max-width: 672px) 100vw, 672px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 1: Screenshot <\/em><a href=\"https:\/\/colonial-local.ch\/nova-friburgo\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>https:\/\/colonial-local.ch\/nova-friburgo<\/em> <\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Gerade im Kontext der schweizerischer Kolonialgeschichte sind Webseiten ideal f\u00fcr die Vermittlung historischen Wissens. Der zunehmenden Anzahl geschichtswissenschaftlicher Untersuchungen und Erkenntnisse zur kolonialen Vergangenheit der Schweiz steht n\u00e4mlich das nach wie vor verbreitete Geschichtsbild einer kolonialen Unschuld in der breiten Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber. So konnten Historiker:innen mittlerweile zeigen, dass die Schweiz nicht trotz ihrer politischen Neutralit\u00e4t, sondern gerade wegen ihr erfolgreich am Kolonialismus mitwirken konnte. Keine eigenen Kolonien zu besitzen, erm\u00f6glichte den Schweizer:innen, in transimperialen Netzwerken zu agieren und zu verschiedenen, teils konkurrierenden kolonialen Projekten beizutragen. Diese Befunde gef\u00e4hrden fest verankerte Nationalmythen und stossen folglich auf Ablehnung. &nbsp;Am Thema Kolonialismus wird somit die Diskussion um die Rolle und Funktion der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung f\u00fcr die Erinnerungskultur besonders virulent.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Notwendigkeit, das \u00f6ffentliche Vertrauen in historische Erkenntnisse zu gew\u00e4hrleisten, ergibt sich aus der engen Verbindung des Narrativs der Schweiz als koloniale Abseitssteherin mit der Vorstellung einer schweizerischen \u00abracelessness\u00bb<a id=\"_ftnref9\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> und \u00abweissen Unschuld\u00bb<a id=\"_ftnref10\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a>. Wie die Debatten in den vergangenen Jahren gezeigt haben, hat dieses Selbstbild eine kritische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart in einer sich zunehmend pluralisierenden Gesellschaft stark gehemmt, weshalb es entscheidend ist, dass das in den letzten Jahren erworbene akademische Wissen in die Gesellschaft diffundiert und angenommen wird. Nur wenn koloniale Hintergr\u00fcnde und rassistische sowie rassifizierende Strukturen in allen Bereichen des t\u00e4glichen Lebens erkannt, benannt und verstanden werden, k\u00f6nnen sie letztlich \u00fcberwunden werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weitere Chance digitaler Geschichtsvermittlung er\u00f6ffnet sich dadurch, dass Inhalte nicht zwangsl\u00e4ufig in linearer Textform pr\u00e4sentiert werden m\u00fcssen. F\u00fcr <em>colonial-local.ch<\/em> wurde ein mehrdimensionales Layout entwickelt, in dem die dargestellten Geschichten durch animierte Einblendungen gest\u00f6rt und dadurch auch gebrochen werden. Unterschiedliche Farbkodierungen lassen sowohl zentrale Aussagen als auch Verkn\u00fcpfungen zur Gegenwart ins Auge springen und sollen dadurch zu einer kritischen Reflexion anregen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"412\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-412x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8695\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-412x1024.png 412w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-121x300.png 121w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-768x1910.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-618x1536.png 618w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-2-824x2048.png 824w\" sizes=\"auto, (max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 2: Screenshot <a href=\"https:\/\/colonial-local.ch\/schokolade\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/colonial-local.ch\/schokolade<\/a> Der rote Einschub erscheint erst beim Scrollen, wodurch die Lesart der Geschichte gest\u00f6rt wird. Mit Klick auf die Icons l\u00e4sst sich der Inhalt erweitern und neue Aspekte werden er\u00f6ffnet. Die gelben Textbl\u00f6cke schlagen eine Verbindung zur Gegenwart.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Dieses Design dient der Dekonstruktion von Vorstellungen oder Vorurteilen und verkn\u00fcpft die koloniale Vergangenheit mit heutigen Gesellschaftsfragen. Es erm\u00f6glicht aber auch eine vertiefte Auseinandersetzung mit historiografischen Problemen, die gerade bei kolonialen Erz\u00e4hlungen angesprochen und veranschaulicht werden m\u00fcssen: Wie kann die Geschichtswissenschaft mit der Asymmetrie von Kolonialarchiven umgehen und wie k\u00f6nnen vermeintlich stumme Zeug:innen sichtbar gemacht werden?<a id=\"_ftnref11\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> So lassen sich beispielsweise beim Thema S\u00f6ldnertum nicht nur die die Biografien von drei Freiburgern in fremden Diensten aufklappen, sondern auch das Feld \u00abDer Unbekannte\u00bb, welches genau diese Fragen adressiert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1002\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3-1024x1002.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8697\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3-1024x1002.png 1024w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3-300x294.png 300w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3-768x751.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3-1536x1503.png 1536w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-3.png 1574w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 3: Screenshot <a href=\"https:\/\/colonial-local.ch\/soeldnertum\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/colonial-local.ch\/soeldnertum<\/a><\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Schliesslich erm\u00f6glicht <em>colonial-local.ch<\/em> es den Nutzer:innen auch zu verstehen, dass nicht nur Wirtschaft, Religion, Kultur, Wissenschaft oder Politik mit dem Kolonialismus verflochten waren, sondern dass diese Aspekte sich gegenseitig beeinflussten und beeinflussen. Solange diese dichten Netze und komplexen Verbindungen nicht ber\u00fccksichtigt werden, k\u00f6nnen die Auswirkungen, die Langlebigkeit und die Reichweite des Ph\u00e4nomens Kolonialismus nicht erkl\u00e4rt und seine Folgen bis heute nicht vollst\u00e4ndig verstanden werden. Das entwickelte Webdesign er\u00f6ffnet die M\u00f6glichkeit, die vielf\u00e4ltigen Verflechtungen aufzuzeigen, statt einzelne Themen isoliert aneinanderzureihen. Dieses \u00abSystemdenken\u00bb<a id=\"_ftnref12\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a> stimuliert ein multiperspektivisches Verst\u00e4ndnis, indem es die streng chronologische Vermittlung von Geschichte aufbricht. Ein pluralistischer Blick auf die Vergangenheit entspricht den heutigen Herausforderungen der Identit\u00e4ts- und Geschichtskonstruktion, indem er global ausgerichtetes Wissen und Handeln f\u00f6rdert.<a id=\"_ftnref13\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8699\" style=\"width:803px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4-1024x768.png 1024w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4-300x225.png 300w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4-768x576.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4-1536x1152.png 1536w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-4.png 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 4: Screenshot <a href=\"https:\/\/colonial-local.ch\/wissenschaft\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/colonial-local.ch\/wissenschaft<\/a>&nbsp; Das \u00ab\u00a0\u00fcbrigens\u00a0\u00bb-Icon stellt Querverweise auf andere Webseiteninhalte her.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>\u00dcber diese vielf\u00e4ltigen Chancen f\u00fcr die Geschichtsvermittlung hinaus bestechen Webseiten insbesondere durch ihre interaktiven M\u00f6glichkeiten. Anstelle des \u00fcblichen Top-Down-Wissenstransfers kann das Publikum aktiv partizipieren und mitgestalten. <em>Colonial-local.ch<\/em> ist als ein wachsendes Archiv konzipiert. Besucher:innen haben erstens die M\u00f6glichkeit, historische Quellen aus privaten Sammlungen einzureichen und so zur Vervollst\u00e4ndigung der (post)kolonialen Geschichte der Region beizutragen. Das Publikum kann das koloniale Archiv mitgestalten und dar\u00fcber hinaus historische Fragestellungen und Vorgehensweisen anstossen und mitpr\u00e4gen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"1017\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-1024x1017.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8702\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-1024x1017.png 1024w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-300x298.png 300w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-150x150.png 150w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-768x763.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5-1536x1526.png 1536w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-5.png 1868w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 5: Screenshot von <\/em><a href=\"https:\/\/colonial-local\/blog\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>https:\/\/colonial-local\/blog<\/em><\/a><em>. Um der sensiblen Thematik Rechnung zu tragen, k\u00f6nnen Blog-Beitr\u00e4ge nur via Moderation durch das Projektteam aufgeschaltet werden.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Neben der Erweiterung des Quellen- und Wissensbestandes zu diesen historischen Verflechtungen dient zweitens der Blog der Website als Plattform f\u00fcr die Stimmen der von Rassismus betroffenen Menschen und erm\u00f6glicht so die Integration ihrer Perspektiven, Erfahrungen und Erinnerungen in die Geschichtsschreibung. Die Diskursteilnahme von Akteur:innen abseits der etablierten Autor:innenschaft r\u00fcckt die Geschichtsproduktion weiter in die Gesellschaft und hilft bei ihrer Verankerung. Diese Pluralisierung der Perspektiven und Stimmen kann dabei helfen, das Bild der Vergangenheit zu erweitern.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><em>Angebot, Rezeption und Nachfrage \u2013 Die Herausforderungen<\/em><\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten und Chancen f\u00fcr die Geschichtsvermittlung via Webseiten allgemein, wie auch f\u00fcr die Kolonialgeschichte im Speziellen, stellen gleichzeitig auch Herausforderungen dar. Exemplarisch f\u00fcr <em>colonial-local.ch<\/em> werden hier drei Problemfelder angesprochen und unser Umgang damit vorgestellt: Die Sprache, die Handhabung von problematischen visuellen Quellen und die Gew\u00e4hrleistung einer breiten Reichweite sowie frequentierten Nutzung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf sprachlicher Ebene ergaben sich bei der Gestaltung der Webseite einerseits im Kontext der in den Quellen verwendeten Begriffe Schwierigkeiten, da diese Begriffe nicht selten mehr oder weniger offensichtlich rassistischer Natur sind. Werden sie \u00fcberm\u00e4ssig abgebildet und historisch nicht eingeordnet, besteht die Gefahr, dass sie unkritisch rezipiert und allenfalls sogar reproduziert werden. Andererseits bildet die Sprache generell eine Herausforderung f\u00fcr die Vermittlung von historisch komplexen Themen: Die regionale Kolonialgeschichte soll auf der Webseite gerade auch f\u00fcr ein j\u00fcngeres Publikum attraktiv und nachvollziehbar sein, ohne gleichzeitig unsachgem\u00e4sse Simplifizierungen, Trivialisierungen und Verniedlichungen zu produzieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Antwort darauf stellt das auf der Webseite integrierte Glossar dar, welches an den gegebenen Stellen direkt verlinkt wurde und auch einen generellen Leitfaden zur Lekt\u00fcre von kolonialen Quellen und Literatur zur Kolonialgeschichte bietet. Die Webseite ist weiter sprachlich so aufgebaut, dass sie m\u00f6glichst pr\u00e4zise und sensibel vermittelt, deutlich zwischen der Sprache der Quellen und jener der Analyse differenziert und rassistische Begriffe sowie koloniale Denkfiguren systematisch problematisiert.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6-1024x768.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-8704\" srcset=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6-1024x768.png 1024w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6-300x225.png 300w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6-768x576.png 768w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6-1536x1152.png 1536w, https:\/\/revue-traverse.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Abbildung-6.png 1890w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Abbildung 6: Screenshot von <a href=\"https:\/\/colonial-local.ch\/mission\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/colonial-local.ch\/mission<\/a>. Bei allen unterstrichenen Begriffen erscheint auf Klick der entsprechende Glossarartikel.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p>Die Kolonialgeschichte umfasst weiter gerade hinsichtlich visueller Abbildungen einen sehr umfangreichen, aber auch in der Verwendung \u00e4usserst heiklen Quellenkorpus. Koloniale Fotografien entstanden immer in asymmetrischen Machtkonstellationen, teils auch unter Zwang, wodurch der Fotoapparat zu einem Instrument der Kolonisierung wurde.<a href=\"#_ftn14\" id=\"_ftnref14\">[14]<\/a> Fotografien waren an der Produktion der visuellen Kolonialkultur massgeblich beteiligt und halfen bei der Perpetuierung spezifischer Stereotype und Machtverh\u00e4ltnisse. Die eurozentrische Perspektive, der h\u00e4ufig stark inszenierte und arrangierte Charakter ihrer Entstehung, die verwendeten technischen Mittel wie die lange Belichtungszeit zur Akzentuierung des Unterschieds zwischen schwarz und weiss \u2013 all diese Aspekte gilt es bei der heutigen Betrachtung zu reflektieren und zu ber\u00fccksichtigen. Ohne diese wichtigen Einsichten aus der <em>Visual History<\/em> droht eine undifferenzierte Verwendung von h\u00f6chst sensiblen Quellen, eine Reproduktion kolonialer Blickregime sowie eine erneute Objektivierung (ehemals) kolonisierter Menschen.<a href=\"#_ftn15\" id=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In Anbetracht dieser Problemlage haben wir uns auf <em>colonial-local.ch<\/em> daf\u00fcr entschieden, visuelles Material nur sparsam einzusetzen. Die Nutzer:innen werden bei den entsprechenden Bildern zudem auf den Eintrag zur Kolonialfotografie im Glossar verwiesen, in dem die Hintergr\u00fcnde und Stolpersteine erkl\u00e4rt werden. Mit dieser Einordnung hoffen wir dazu beizutragen, dass bereitgestellte visuelle Quellen mit der erforderlichen Vorsicht und Sensibilit\u00e4t betrachtet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das online-Format allerding keine kontrollierte Rezeption von visuellen Quellen erlaubt, wurden offen rassistische, entw\u00fcrdigende und entmenschlichende Fotografien aus bildethischen Gr\u00fcnden nicht integriert.<a href=\"#_ftn16\" id=\"_ftnref16\">[16]<\/a> Insbesondere das erneute Abbilden derjenigen Menschen, die zu Unterhaltungszwecken einem europ\u00e4ischen Publikum in Zoos oder an Jahrm\u00e4rkten pr\u00e4sentiert wurden, birgt die Gefahr, den kolonialen Gewaltakt des Ausstellens zu wiederholen. Allzu h\u00e4ufig werden heute gerade solche Bilder unkritisch und ohne Kontextualisierung als Belege f\u00fcr die Unmenschlichkeit des Kolonialismus und seiner Denkweisen herangezogen, wodurch voyeuristische und sensationalisierende Effekte erzeugt werden und koloniale Sehgewohnheiten nicht selten reproduziert statt gebrochen werden.<a href=\"#_ftn17\" id=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Schliesslich stellt die Gew\u00e4hrleistung der frequentierten Nutzung und Rezeption bei digitalen Formaten eine Herausforderung dar. Wie kann sichergestellt werden, dass Webseiten, welche historische Inhalte aufarbeiten und vermitteln, auch besucht werden und so die Inhalte in die breite \u00d6ffentlichkeit diffundiert werden k\u00f6nnen? Dieser Frage sind wir mit zwei Strategien begegnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens ist die Webseite auf drei verschiedenen Plattformen der sozialen Medien vertreten. In regelm\u00e4ssigen Posts wird dort auf neue Entwicklungen des <em>Public-History<\/em>-Projekts, aktuelle Blog-Beitr\u00e4ge und inhaltliche Aspekte der Webseite verwiesen, wodurch auch die sozio-politische Relevanz der Webseite f\u00fcr aktuelle Debatten und die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart akzentuiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens wurde <em>colonial-local.ch<\/em> sprachlich und inhaltlich explizit als Bildungswebseite f\u00fcr den Schulunterricht konzipiert. Im Austausch mit Lehrkr\u00e4ften, Didaktiker:innen, Expert:innen der Rassismuspr\u00e4vention und Sch\u00fcler:innen werden derzeit in einem Folgeprojekt Lernmedien entwickelt, welche die multimediale, interaktive Nutzung der Webseite in Schulen auf Sekundarstufe I und II begleiten und erweitern. In diesem Zusammenhang entsteht auch eine Quellensammlung mit weiteren schriftlichen und visuellen Quellen ausschliesslich f\u00fcr Lehrpersonen, die im Unterricht deren kritische Rezeption und differenzierte Interpretation garantieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wurde deutlich, dass seitens der Lehrkr\u00e4fte ein grosses Interesse besteht, den Schulunterricht zu postkolonialisieren, dass verst\u00e4ndliche und attraktive Materialien dazu allerdings nach wie vor weitgehend fehlen. Dabei zeigt sich insbesondere die regionalgeschichtliche Zugangsweise der Webseite, anhand der die Sch\u00fcler:innen den kolonialen Spuren und damit auch der Genealogie des heutigen Rassismus in ihrer unmittelbaren Erfahrungswelt und geografischen Umgebung nachgehen k\u00f6nnen, als fruchtbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Die begleitenden, sich in Produktion befindenden Arbeitsmaterialien richten sich aber nicht nur an das frankophone und deutschsprachige Freiburg, sondern werden \u00fcberregional konzipiert und k\u00f6nnen in Verbindung mit <em>colonial-local.ch<\/em> im Sinne eines \u00abexemplarischen Lernens\u00bb schweizweit Anwendung finden. Die nachhaltige Verf\u00fcgbarkeit der Webseite und das darauf allgemein zug\u00e4ngliche Grundlagenmaterial erm\u00f6glicht es, dass Lehrpersonen das Thema niederschwellig in den Schulunterricht integrieren k\u00f6nnen, wobei sich die Anwendung nicht allein auf den Geschichtsunterricht beschr\u00e4nkt, sondern hinsichtlich der Weiterwirkung kolonialer Strukturen in der heutigen Zeit vielf\u00e4ltige Ankn\u00fcpfungspunkte innerhalb des Lehrplans erm\u00f6glicht.<a id=\"_ftnref18\" href=\"#_ftn18\">[18]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong><\/strong><strong>Fazit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Aktualit\u00e4t des Kolonialismus f\u00fcr die Schweizer \u00d6ffentlichkeit erschliesst sich nur, wenn sie als Reaktion auf grundlegende Ver\u00e4nderungen der Gegenwart begriffen wird. Die zunehmende Migration und Mobilit\u00e4t haben zu einer Pluralisierung der Erinnerungslandschaft gef\u00fchrt, in der f\u00fcr grosse Teile der schweizerischen Bev\u00f6lkerung eine entgrenzte Geschichte &nbsp;den selbstverst\u00e4ndlichen Bezugsrahmen bildet. Dabei spielt die Kolonialgeschichte eine entscheidende Rolle, da sie nicht l\u00e4nger die Vorstellung einer helvetischen Insel innerhalb Europas bedient, sondern die Schweiz als Teil einer globalen Kolonialkultur verortet. Somit erscheint nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch ihre Gegenwart in einem neuen Licht. Verschiedene Organisationen und lokale Initiativen machen mit ihren kolonialhistorischen Angeboten auf den aktuellen und allt\u00e4glichen Rassismus aufmerksam. Sie thematisieren strukturellen Rassismus erinnerungspolitisch vor der Folie des Kolonialismus und tragen damit zu einer Pluralisierung der historischen Erfahrungen in der Schweiz bei.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesellschaftspolitische Relevanz des Themas trifft gleichzeitig auf eine Diversifizierung der Medienlandschaft. <em>Public History<\/em> spielt sich heute nicht mehr exklusiv in Kollektivmedien wie Museen, Fernsehen oder Printmedien ab, sondern immer mehr in individualisierten, digitalen Formaten. Webseiten und soziale Medien erweitern historisches Wissen, reagieren auf eine Bandbreite an Interessen und machen spezifische Erinnerungsangebote. Diesen Entwicklungen gilt es von Seiten der Geschichtswissenschaft Rechnung zu tragen, um die \u00f6ffentliche Aushandlung der Erinnerung entscheidend mitzupr\u00e4gen. Digitale Geschichtsvermittlung mit ihren vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten erscheint geradezu ideal, um die hermetische Abgeschiedenheit des wissenschaftlichen Elfenbeinturms aufzubrechen, neue Br\u00fccken zwischen historischer Forschung und \u00d6ffentlichkeit zu schlagen und Vertrauen in wissenschaftliche Erkenntnisse zu schaffen. Nur durch eine plurale und breit verankerte Erinnerungskultur k\u00f6nnen die aktuellen Herausforderungen des gesellschaftlichen Zusammenlebens angegangen werden.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref1\" id=\"_ftn1\">[1]<\/a> Sebastian Conrad, \u00abErinnerung im globalen Zeitalter. Warum die Vergangenheitsdebatte gerade explodiert\u00bb, <em>Merkur<\/em> 867 (2021), S.&nbsp; 5\u201317.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref2\" id=\"_ftn2\">[2]<\/a> Christina Sp\u00e4ti, \u00abDie Schweiz und der Holocaust: Rezeption, Erinnerung und museale Repr\u00e4sentation\u00bb, in: Andrea Brait, Anja Fr\u00fch (Hg.), <em>Museen als Orte geschichtspolitischer Verhandlungen. Ethnografische und historische Museen im Wandel<\/em>. Itinera: Beiheft zur Schweizerischen Zeitschrift f\u00fcr Geschichte 43 (2017), S. 61\u201376; Jakob Tanner, \u00abDie Krise der Ged\u00e4chtnisorte und die Havarie der Erinnerungspolitik. Zur Diskussion um das kollektive Ged\u00e4chtnis und die Rolle der Schweiz w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges\u00bb, <em>traverse. Zeitschrift f\u00fcr Geschichte <\/em>6 (1999) 1, S. 16\u201337.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref3\" id=\"_ftn3\">[3]<\/a> Astrid Erll, <em>Kollektive Ged\u00e4chtnis- und Erinnerungskulturen. Eine Einf\u00fchrung<\/em>, Stuttgart 2017.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref4\" id=\"_ftn4\">[4]<\/a> Michael Rothberg, <em>Multidirektionale Erinnerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung<\/em>, Berlin 2021; Natan Sznaider, <em>Fluchtpunkte der Erinnerung. \u00dcber die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus<\/em>, M\u00fcnchen 2022.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref5\" id=\"_ftn5\">[5]<\/a> Der Begriff quart\u00e4re Medien wird in der Kommunikationswissenschaft zur Bezeichnung von internetbasierten Terti\u00e4rmedien verwendet, die durch ihre interaktiven Momente die Zuschreibung von Sender und Empf\u00e4nger flexibilisieren. Roland Burkart<em>, Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder einer interdisziplin\u00e4ren Sozialwissenschaf<\/em>t, Wien 2021, S. 39.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref6\" id=\"_ftn6\">[6]<\/a> Paul Ashton, Paula Hamilton, <em>History at the Crossroads. Australians and the Past<\/em>, Sidney 2010.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref7\" id=\"_ftn7\">[7]<\/a> Meg Foster, \u00abOnline and Plugged In? Public History and Historians in the Digital Age\u00bb, <em>Public History Review<\/em> 21, S. 1\u201319.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref8\" id=\"_ftn8\">[8]<\/a> Cauvin Thomas, <em>Public History. A Textbook of Practice<\/em>, New York 2016.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref9\" id=\"_ftn9\">[9]<\/a> Noemi Michel, \u00abSheepology. The Postcolonial Politics of Raceless Racism in Switzerland\u00bb, <em>Postcolonial Studies<\/em> 18, 4 (2015) S. 410\u2013426.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref10\" id=\"_ftn10\">[10]<\/a> Gloria Wekker, <em>White Innocence. Paradoxes of Colonialism and Race<\/em>, Durham 2016.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref11\" id=\"_ftn11\">[11]<\/a> Damit reagiert die Webseite auf die Konzepte von \u2018silence\u2018 und \u201ainvisibility\u2018 in den Geschichtswissenschaften. Michel-Rolph Trouillot, <em>Silencing the Past. Power and the Production of History<\/em>, Boston 1995. Anne Firor Scott, \u00abOn Seeing and Not Seeing. A Case of Historical Invisibility\u00bb, <em>The Journal of American History<\/em> 71, 1 (1984), S. 7\u201321.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref12\" id=\"_ftn12\">[12]<\/a> Peter Senge, John Sterman, \u00abSystems Thinking and Organizational Learning. Acting Locally and Thinking Globally in the Organization of the Future\u00bb, <em>European Journal of Operational Research<\/em> 59 (1992), S. 137\u2013150.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref13\" id=\"_ftn13\">[13]<\/a> Johanna Forster, \u00abGlobale Geschichtsperspektiven und soziale Identifikation. Bildungstheoretische \u00dcberlegungen\u00bb, in: Susanne Popp, Johanna Forster (Hg<em>.), Curriculum Weltgeschichte. Interdisziplin\u00e4re Zug\u00e4nge zu einem global orientierten Geschichtsunterricht<\/em>, Schwalbach 2003, S. 105\u2013121.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref14\" id=\"_ftn14\">[14]<\/a> Eleanor Hight, Gary Sampson, \u00abIntroduction. Photography, \u2018Race\u2019, and Post-Colonial Theory\u00bb, in: Dies. (Hg.), <em>Colonialist Photography. Imag(in)ing Race and Place<\/em>, London, New York 2002, S. 1\u201319.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref15\" id=\"_ftn15\">[15]<\/a> Zur Theorie des \u00abcolonial gaze\u00bb siehe Frantz Fanon, <em>Black Skin, White Masks<\/em>, New York 2008, im Original publiziert unter dem Titel <em>Peau noire, masques plancs<\/em> im Jahr 1952.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref16\" id=\"_ftn16\">[16]<\/a> Im Themendossier \u00abBildethik. Zum Umgang mit Bildern im Internet\u00bb auf dem online Nachschlagewerk visual-history.de werden Chancen und Problemen im Zusammenhang mit der Bereitstellung von historischem Bildmaterial in Online-Umgebungen nachgegangen. Siehe dazu vor allem den Beitrag Matthias Harbeck, Moritz Strickert, \u00abFreiwilligkeit und Zwang. Eine Diskussion im Kontext der fr\u00fchen ethnologischen Fotografie\u00bb, online: <a href=\"https:\/\/visual-history.de\/2020\/09\/28\/freiwilligkeit-und-zwang\/\">https:\/\/visual-history.de\/2020\/09\/28\/freiwilligkeit-und-zwang\/<\/a> (19.10.2023). Siehe auch: Sophie Junge (Hg.), <em>Den Blick erwidern. Fotografie und Kolonialismus. &nbsp;Fotogeschichte: Beitr\u00e4ge zur Geschichte und \u00c4sthetik der Fotografie<\/em> 41, Heft 162 (2021).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref17\" id=\"_ftn17\">[17]<\/a> So argumentiert etwa auch die deutsche Historikerin und fr\u00fche Vertreterin der Visual History Forschung Annette Vowinckel im Zusammenhang mit visuellen Quellen des Kolonialismus in Schulb\u00fcchern, D\u00f6rte, \u00ab\u2018Visual History\u2019 \u2013 Forschung. Neue Sicht auf alte Fotos\u00bb, online: <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/visual-history-forschung-neue-sicht-auf-alte-fotos-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/visual-history-forschung-neue-sicht-auf-alte-fotos-100.html<\/a> (19.10.2023).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ftnref18\" id=\"_ftn18\">[18]<\/a> Das didaktische Prinzip der Exemplarit\u00e4t wurde programmatisch von Martin Wagenschein entwickelt. An Fallbeispielen sollen Sch\u00fcler:innen etwas \u00abFundamentales\u00bb zu erfassen lernen, worauf \u00fcber Transfer, Deduktion, Induktion oder Analogien auf das Allgemeine, auf Besonderheiten, Gleichheiten und Unterschiede geschlossen werden kann. Siehe Martin Wagenschein Martin, <em>Verstehen lehren<\/em>, Basel 1999.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">Empfohlene Zitierweise\/Suggested citation<\/h5>\n\n\n\n<p>Barbara Miller, Linda Ratschiller, Simone Rees,\u00a0\u00abKolonial \u2013 lokal \u2013 digital: Chancen und Herausforderungen neuer Erinnerungsangebote\u00bb, <em>traverse<\/em> 30\/3 (2023), online+, <a href=\"https:\/\/revue-traverse.ch\/fr\/kolonial-lokal-digital-chancen-und-herausforderungen-neuer-erinnerungsangebote\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/revue-traverse.ch\/kolonial-lokal-digital-chancen-und-herausforderungen-neuer-erinnerungsangebote\/<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Beitrag von Barbara Miller, Linda Ratschiller, Simone Rees Public History \u2013 wozu? Koloniale Vergangenheit und Rassismus in der Gegenwart Die \u00d6ffentlichkeitsbedeutung von Geschichte steckt in einem Hoch. In der Schweiz erregt insbesondere auch der Umgang mit und die Deutung der kolonialen Vergangenheit die Gem\u00fcter. 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