Dieser Beitrag reflektiert auf der Grundlage von Jörn Rüsens Geschichtstheorie die Möglichkeiten und Notwendigkeiten einer intersektionalen Geschichtsbetrachtung. Es wird erörtert, wie intersektionale Perspektiven zu einer umfassenderen historischen Erkenntnis beitragen können. Analog zu Rüsens Analyse feministischer Geschichtskritik wird argumentiert, dass «methodisch disziplinierte Parteilichkeit» Objektivität nicht ausschliesst, sondern zu einer «konkreteren Allgemeinheit» historischer Erkenntnis führt. Die intersektionale Betrachtung von Differenzkategorien als historisch variable Ausprägungen grundlegender menschlicher Differenzierungstendenzen erweitert den Erfahrungsbezug historischer Rekonstruktionen systematisch. Der Beitrag entwickelt abschliessend einen methodischen Fragenkatalog für intersektionale Geschichtsanalysen auf den Ebenen von Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung.
Englisch abstract
This article advocates that intersectional approaches enrich historical scholarship – particularly research into the pre-modern period – both theoretically and methodologically. Drawing on Jörn Rüsen’s Historik, the text argues that taking into account categories such as gender, class and racialised differences makes historical reconstructions more precise, reflective and objective. Intersectionality is presented not as an ideological rupture, but as a necessary expansion of scholarly perspectives. The article demonstrates that methodologically disciplined partiality, reflection on positionality and the analysis of power relations are central requirements for historically grounded intersectional historiography.