Nationalistische und rechtsextreme Mittelalternutzung – Annäherungen an ein unangenehmes Thema


In diesem Artikel beschäftigen sich Kolleg*innen aus Geschichte, Archäologie und Skandinavistik im Gefolge mehrerer öffentlicher Diskussionsveranstaltungen mit nationalistisch-autoritären und rechtsextremen Nutzungen mittelalterlicher Geschichte aus mediävistischer Perspektive. Die Diskussionen fanden im Schnittfeld von Wissenschaft und Gesellschaft statt und sollten auch dazu anregen, fachinterne Reflexionsprozesse über vermeintliche Selbstverständlichkeiten (wie das Ideal der «neutralen» Wissenschaft) anzustossen.
Rechte Akteur*innen bedienen sich spezifischer Figuren, Ereignisse und Konstellationen aus der Vormoderne (wie auch anderer Epochen), um ihre Agenda zu verfolgen. Dabei ähneln ihre Mittelalterbilder oft denen, die in der Populärkultur zirkulieren, weshalb demokratisch orientierte Mittelalter-Interessierte Schwierigkeiten haben, sich von rechten Vereinnahmungen abzugrenzen.
In vier – bewusst fragmentarisch und subjektiv gehaltenen – Schlaglichtern beleuchten die Autor*innen das Themenfeld nationalistischer und rechtsextremer Mittelalternutzung, um die Leser*innen zum Nachdenken über die eigene Perspektiven anzuregen: Christoph Dartmann reflektiert über «Kulturpolitische Brückenschläge, oder: Wo sich konservative, populistische und rechtsextreme Befindlichkeiten treffen», Cordelia Heß erläutert, wie «Neutralitätsforderungen als Machtinstrument» eingesetzt werden, Lukas Rösli beschäftigt sich mit «Konstruktion» in der Mediävistik und der «Fachgeschichte» der Skandinavistik und Sita Steckel fordert dazu auf, «Ins Handeln [zu] kommen» und klare (nicht unbedingt einheitliche) Positionierungen in «Lehre und Wissenschaftskommunikation» zu finden.

Right-wing actors draw on specific figures, events and constellations from the pre-modern era (as well as other periods) to pursue their agenda. Their portrayals of the Middle Ages often resemble those circulating in popular culture, which is why democratically minded enthusiasts of the Middle Ages find it difficult to distance themselves from right-wing appropriations. In four – deliberately fragmentary and subjective – short texts, the authors examine the topic of nationalist and far-right appropriations of the Middle Ages, with the aim of encouraging readers to reflect on their own perspectives: Christoph Dartmann reflects on the question where conservative, populist and far-right sensibilities converge; Cordelia Heß explains how ‘demands for neutrality’ are used as an ‘instrument of power’; Lukas Rösli examines the ‘construction of the Middle Ages’ and the history of his discipline, Scandinavian studies, and last but not least Sita Steckel calls for people to ‘take action’ and to develop clear though not necessarily uniform positions in teaching and science communication.

Erschienen in: traverse 2026/1, S. 87