„On Ferme!“
Ein Beitrag von Dominique Lysser
Die Ausstellung «On Ferme! Mémoires de la Crise Industrielle»[1] die unter der Mitarbeit von Masterstudierenden der Universität Neuchâtel entstanden ist, erzählt die Geschichte der Deindustrialisierung in der Region Yverdon und Sainte-Croix seit den 1970er Jahren. Im Mittelpunkt der Ausstellung steht die Frage nach dem Danach: Was bleibt und was geht verloren, wenn die Fabrik die Produktion einstellt und ihre Tore schliesst? Welche Objekte, Maschinen und Bilder überdauern und wie prägt dieses industrielle Erbe den urbanen Raum bis heute? Es sind grosse Fragen, die sich die Ausstellung vornimmt und auf die sie nicht in jedem Fall eine Antwort findet. Der chronologisch konzipierte Ausstellungsrundgang führt die Besucher:innen durch vier farblich markierte, thematische Bereiche: Hochphase, Krise, Schliessung und Erinnerung.
Der erste Raum in Gelb, in Anlehnung an das «l’âge d’or perdu», beleuchtet die Hochphase der Maschinenbauindustrie im Norden der Waadt. Eine auf Sockeln inszenierte Gruppe von Objekten – eine Hermès Schreibmaschine, bemalte Gefässkeramik und ein Werbeplakat für Makkaroni – verweisen auf wichtige Industriestätte der Region: Hermès-Paillard, Céramique d’Yverdon SA und die Teigwarenfabrik Besson. Sie repräsentieren die «fiertés industrielles». Ein roter Resopaltisch mit zwei Stühlen lädt ein zu einer kurzen Verschnaufpause ein. Die Tischplatte ist bedeckt mit Artikeln über firmenorganisierte Fussballturniere, winterliche Skiausflüge und Ferienkolonien. Sie erzählen die Erfolgsgeschichten des betrieblichen Zusammenhalts. Eine Vitrine gibt Einblick in die paternalistische Unternehmenspolitik der Nachkriegszeit. Mit einem gravierten Zinnteller und einer Flasche Kirsch verdankt Paillard die 25 Dienstjahre von Mlle Eglantine Yersin. Ein Certificat de Travail attestiert Giacomo del Bello aus Italien ein gutes Arbeitszeugnis. Man würde gerne mehr über die beiden erfahren. Frauen und migrantische Arbeitskräfte bekamen als «Konjunkturpuffer» die Folgen des wirtschaftlichen Aufschwungs und Niedergangs zuerst und am stärksten zu spüren. Wie erlebten sie ihre Anstellung bei Paillard? Welche Chancen und Frustrationen definierten ihren Arbeitsalltag? Welche Folgen hatte die Betriebsschliessung für sie? Die Fragen bleiben offen. Die Ausstellung setzt auf die alleinige Aussagekraft der Objekte. Sie sind assoziativ angeordnet, werden aber ohne erklärende Texte oder weitere Einordnung präsentiert.



Abb. 1.1-1.3: Bildausschnitte aus der Ausstellung «On Ferme!». Zu sehen ist der erste Raum, der das «l’âge d’or perdu» repräsentiert. © Dominique Lysser, 2026.
Im zweiten Raum in Grün, der die Krisengeschichte erzählt, sind die Objekte mehrheitlich verschwunden – ein Sinnbild für den langsam einsetzenden Produktionsstopp? Die «abgelegten» Arbeiter:innenuniformen auf den gstapelten Holzpaletten fungieren als Symbol der Untätigkeit und erinnern eindrücklich an die «verschwundenen» Arbeiter:innen.[2] Zentrales Thema dieses Raumes ist das Reden über die Krise. Zwei Kollektivakteure stehen sich dabei gegenüber. Zum einen die Medien, die Befürchtungen vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch nach 1974 in der Schweiz mit ihrer Berichterstattung verbreiten und stärken. Zum anderen die Unternehmen, die die sozialen Folgen der schrittweisen Schliessungen zwar bedauern, sie aber als unabänderliche Entwicklung auffassen und jede Verantwortung von sich weisen. Diese Haltung kommt in der Ausstellung anhand des Jahresberichts 1974 der Hermes Group Precisa International deutlich zum Ausdruck: «A Yverdon et à Sainte-Croix, le nombre des personnes employées a passé de 2343 à 1744. […] Nos collaborateurs de tous rangs ont fait preuve, en cette année difficile, d’un sens de la solidarité en accord avec nos meilleurs traditions nationales. […] Cette attitude est la seule qui permette à notre industrie, tributaire d’une main-d’œuvre nombreuse, de rester concurrentielle malgré le cours élevé du franc suisse.» Im Fotoessay der US-amerikanischen Fotografin Diana B. Kingsbury auf der gegenüberliegenden Wand erhält die letzte Generation der Fabrikarbeiterinnen der Leclanché Capacitors sprichwörtlich ein Gesicht. Aber auch hier erfahren wir als Besucher:innen nicht mehr über ihre Geschichten, weil die Porträts unkommentiert bleiben.

Abb. 2: Bildausschnitt aus der Ausstellung «On Ferme!». Zu sehen ist der zweite Raum, der die Geschichte der Krise und des Zusammenbruchs erzählt. Links an der Wand ist ein Teil der Porträtserie von Diana B. Kingsbury zu sehen. © Dominique Lysser, 2026.
Ein langes Wandregal im Industrial-Design beherrscht den Gang, der die beiden ersten Ausstellungsräume miteinander verbindet. Auf den Tablaren reihen sich Schreibmaschinen, Rechner, Plattenspieler, Videokameras, Radios und Porzellan scheinbar willkürlich aneinander. Die individuellen Beschriftungen tragen den Namen der Person, die das Objekt gespendet hat. Auffallend ist, dass sich sämtliche Objekte in tadellosem Zustand befinden und kaum Gebrauchsspuren aufweisen. Als «les restes de l’industrie» vergegenständlichen sie nicht nur die Vielfalt der hergestellten Produkte. Dass es sich dabei um Sachspenden von Individuen aus der Region handelt, zeigt auch, wie stark die Industrie mit dem Leben der Menschen vor Ort verbunden war. Die Regalreihen mit den sorgfältig positionierten Objekten erinnern an ein Warenhaus und verweisen implizit auf das nächste Kapitel im Lebenszyklus der Objekte: auf die Produktion in den Werkstätten und Ateliers folgt die Nutzung in privaten Haushalten oder in Büros.


Abb. 3.1-3.2.: Bildausschnitt aus der Ausstellung «On Ferme!». Zu sehen ist das durchgehende Regal rechtsseitig der beiden ersten Ausstellungsräume. © Dominique Lysser, 2026.
Der Weg führt über einen freistehenden Treppenlauf in den nächsten Raum und endet auf einem Zwischenpodest an einer roten Stellwand: die Fabrikschliessung als abrupte und gewaltvolle Zäsur. Um in den vierten und letzten Teil der Ausstellung zu gelangen, steigen die Besucher:innen erneut einige Stufen hinunter. Die Ebene der Erinnerung ist in Blau gehalten. Es ist eine gelungene szenografische Inszenierung, dass die unterschiedlichen zeitlichen Dimensionen (Ereignisgeschichte und Erinnerung) auch räumlich markiert sind. Der Themenbereich arbeitet vornehmlich mit visuellen Impulsen. Luftaufnahmen zeigen verlassene bzw. rekonfigurierte Produktionsstätten in ihrem urbanen Kontext. Die Wandtexte beschreiben die Transformationsprozesse der ehemaligen industriellen Vorzeigeunternehmen. Aus den baulichen Überresten entstehen neue Bauprojekte, aus den «fantômes de la ville-usine» werden «friches fertiles». Der Konnex zwischen dem gezeigten Material und dem geschriebenen Text ist etwas diffus, was aber auch mit der Schwierigkeit zusammenhängt, Erinnerung «dingfest» zu machen, zumal die Ausstellung nicht an ihren historischen Orten stattfinden kann. Dieser Umstand wirft generell Fragen der Ausstellbarkeit einer Deindustrialisierungsgeschichte auf, besonders wenn die Orte, von denen diese Geschichte erzählt, nicht mehr oder in veränderter Form existieren.

Abb. 4: Bildausschnitt aus der Ausstellung «On Ferme!». Blick von der Treppe aus auf den vierten Themenbereich «Erinnerung». © Dominique Lysser, 2026.
Die Ausstellung «On Ferme!» versteht sich als ein «laboratoire évolutif et collaboratif». Es ist ein erster Versuch diese «mémoire fragmentée et plurielle» der waadtländischen Industrie museal zu inszenieren. Sie ist eine anregende Einladung, um über erinnerungspolitische Dynamiken und Darstellungsformen einer Schweizer Deindustrialisierungsgeschichte nachzudenken. Die Kurator:innen haben den beschränkten Raum geschickt genutzt, um mit der Szenografie das Ausstellungsnarrativ zu stützen. Neben den Recherchen der Studierenden bilden Erzählungen von Zeitzeug:innen die narrative Grundlage, wenngleich ihre Stimmen und Geschichten in der Ausstellung nicht hörbar sind.[3] Es sind vor allem Objekte, die als Bedeutungsträger und Vermittler ästhetisch in Szene gesetzt werden. Dieser Ansatz ist jedoch nicht ohne Herausforderungen. Objekte sind polysem und müssen kuratorisch «zum Sprechen» gebracht werden. Die Ausstellung verlässt sich vielleicht etwas zu stark auf die authentische Wirkung der Objekte, wobei Fragen nach deren Beziehungen zu den Menschen, die sie produziert oder benutzt haben, das Ausstellungsnarrativ um eine weitere Erzählebene verdichtet hätte.
Empfohlene Zitierweise
Dominique Lysser, „On ferme!“, traverse 33/2 (2026), online+, https://revue-traverse.ch/on-ferme/
[1] Die Ausstellung war vom 2. Mai 2025 bis am 15. März 2026 im Musée d’Yverdon et Region zu sehen.
[2] Über 300’000 Ausländer:innen verliessen die Schweiz in den Jahren 1975 bis 1977, vgl. Editorial traverse Deindustrialisierung.
[3] Auf der Webseite ist eine fünfteilige Dokumentation zur Ausstellung zu hören.